Mundarttag 2023

Solothurner Mundartverein will die «Verbernerisierung» genau beobachten

20.10.2023, 12:10 Uhr
· Online seit 18.10.2023, 16:52 Uhr
«Chosle», «Chnörzli», «Gigetschi»: Im unteren Teil des Kantons Solothurn kennt man diese Mundartausdrücke. Allerdings drohen sie in Vergessenheit zu geraten. Ein neuer Verein will sich nun um die Solothurner Mundart kümmern.
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Vinzenz Wyss ist Professor für Journalistik an der ZHAW und Bürger von Günsberg im Kanton Solothurn. Auch wenn er seit längerem nicht mehr im Kanton Solothurn wohnt, beobachtet er immer noch genau, was in seiner alten Heimat passiert. Seit Kurzem ist er der Präsident des neu gegründeten Solothurner Mundartvereins.

Dieser will gemäss Statuten die Sensibilisierung für das Kulturgut Mundart fördern. Er konzentriert sich in seiner Arbeit auf den oberen Kantonsteil, das Thal und das angrenzende Bernbiet. «Der Solothurner Dialekt ist sehr interessant, so zerstückelt und so speziell, dass sich ein Verein darum kümmern muss», sagt Vinzenz Wyss.

Dass es den nicht schon lange gibt, stellte man erst fest, als das gesamtschweizerische Mundartforum dieses Jahr den Mundarttag in Solothurn durchführen wollte.

Angst vor «Verbernerisierung»

Man habe hier in Solothurn Angst vor einer «Verbernerisierung», sagt Vinzenz Wyss. Das dürfe natürlich nicht sein. Deshalb sei es wichtig, dass man den Solothurner Dialekt beobachte. «Wir müssen herausfinden, was den Solothurner vom Berner Dialekt unterscheidet. Wo liegt die Grenze? Welche Rolle spielt die Region Thal und das Gäu? Das sind interessante Fragen, mit denen wir uns beschäftigen wollen.»

Mundarten und Dialekte würden sich verändern, erklärt Vinzenz Wyss. Es gäbe in der Schweiz dominantere und weniger dominante Dialekte. In der Region Solothurn stelle man eine gewisse Annäherung an die Berner Mundart fest. «Gewisse Begriffe übernehmen wir so wie sie im Bernbiet gesprochen werden. Andere typische Solothurner Ausdrücke gehen dafür verloren.»

Sensibilisierung als Hauptaufgabe

Es gehe dem neuen Solothurner Mundartverein aber nicht darum, diese «Verbernerisierung» zu verhindern oder die Solothurner Mundart in der jetzigen Form zu konservieren. «Wir wollen beobachten, Wissen sammeln und nötigenfalls reagieren,» sagt Vinzenz Wyss

Der Solothurner Mundartverein möchte die Öffentlichkeit vermehrt für die regionale Mundart sensibilisieren. «Wir möchten unsere Mundart aber auch den Leuten zeigen: Wir wollen Veranstaltungen machen, Lesungen und Konzerte organisieren. Zum Beispiel Rap-Konzerte aber auch wissenschaftliche Veranstaltungen und vieles mehr,» sagt Wyss.

Als Beispiel für die wissenschaftliche Arbeit erzählt er, dass beim SRF Regionaljournal Aargau-Solothurn hochdeutsche Texte mittels Künstlicher Intelligenz (KI) in Solothurner Mundart übersetzt würden. Hier müsse beobachtet werden, wie diese KI die «richtige» Solothurner Mundart lerne und was das für Auswirkung auf die Sprache habe.

Geschichte von «Hüumig» fasziniert

«Hüumig» sei ein typisches Solothurner Mundartwort, erklärt Vinzenz Wyss. Es bedeute bei uns soviel wie «windstill». Er habe sich auf die Suche nach dem Ursprung dieses Wortes gemacht. «Diesen Begriff gab es schon im Mittelalter. Im Mittelhochdeutsch sprach man von «Hülf» und meinte damit Schutz oder Schild. Aus diesem «Hülf» ist mit der Zeit «Hüumig» entstanden. Solche Geschichten faszinieren mich sehr und genau dafür möchte ich mich engagieren.»

Nach weiteren typischen Beispielen in Solothurner Mundart gefragt, zählt Vinzenz Wyss folgende auf: «chosle» (mit Wasser spielen), «bubele» (mit dem Feuer spielen), «Chnörzli» (Schoggistängeli) oder «Gigetschi» (Apfel-Kernhaus).

Für den Solothurner Dialekt am Mundarttag werben

Am 28. Oktober findet der Mundart statt – organisiert vom Solothurner Mundartverein. Eingeladen sind Mundart-Vereine aus der ganzen Schweiz, welche in der Dachorganisation «Mundartforum» zusammengeschlossen sind. Diese bringen Kulturmuster in ihren Dialekten mit in die Ambassadorenstadt. Auf dem Programm stehen Darbietungen aus Zürich, Basel, Schaffhausen, Graubünden, Bern, Freiburg und Glarus.

An Nachmittag nutzt der Solothurner Mundartverein die Gelegenheit, sich und die Region dem interessierten Publikum vorzustellen. Für den kulturellen Teil wird Dülü Dubach, Kopf und Sänger der Band «Supersiech» sorgen. Dazu haben die Besucherinnen und Besucher des Mundarttags auch die Gelegenheit, das Mundartliteraturarchiv im «Altwyberhüsli» in Solothurn zu besuchen und zu besichtigen.

Hier gibts den Radio 32 Beitrag mit Vinzenz Wyss zum Nachhören

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veröffentlicht: 18. Oktober 2023 16:52
aktualisiert: 20. Oktober 2023 12:10
Quelle: 32Today

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32today@chmedia.ch