Verhalten im Stau

«Bildet eine Rettungsgasse, gopf!»

27.06.2023, 15:29 Uhr
· Online seit 27.06.2023, 14:25 Uhr
Im Kanton Luzern wohnen und in Solothurn arbeiten. Das bringt einige Unannehmlichkeiten mit sich, zum Beispiel den täglichen Stau auf der A1. Der wäre an sich nicht das grösste Problem. Was mich am meisten aufregt: die Rücksichtslosigkeit einiger Verkehrsteilnehmenden.
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Ich bin Deutscher. Gute Voraussetzungen also für einen Kommentar über das Verhalten der Schweizerinnen und Schweizer im Strassenverkehr. Denn wenn es etwas gibt, das die hiesige einheimische Bevölkerung liebt, dann Deutsche, die ihnen die Welt erklären wollen. Und genau das tue ich jetzt.

Jeden Morgen bin ich auf dem Weg zur Arbeit auf der A1 unterwegs. Von meinem Wohnort zu meinem Arbeitsplatz in der 32Today-Redaktion in Solothurn benötige ich in der Regel knappe 50 Minuten. Im morgendlichen Verkehr inklusive des obligatorischen Staus auf der A1 dauert es manchmal auch über eine Stunde. Der Stau an sich wäre eigentlich gar nicht das Problem, abgesehen davon, dass er völlig unnötig ist, weil wieder alle links fahren und das auch noch viel zu langsam. Was mich wirklich aufregt: Gopferdelli niemand bildet eine Rettungsgasse!

Nehmt Rücksicht aufeinander!

Verstehen wir uns nicht falsch: Auch in Deutschland funktioniert das noch nicht allerorts perfekt. Allerdings deutlich besser als in der Schweiz. In meinem Heimatland hat man vor Jahren bereits damit begonnen, die Bevölkerung für dieses Thema zu sensibilisieren. Deshalb haben das viele meiner Landsleute inzwischen verinnerlicht, setzen die Rettungsgasse um und retten damit schlicht Menschenleben. Denn im Notfall zählt jede Sekunde. Ein Auto, das einem Rettungswagen im Weg steht, kann darüber entscheiden, ob ein Menschenleben gerettet werden kann, oder nicht.

Und diese Denkweise kommt mir bei vielen Schweizerinnen und Schweizern im Strassenverkehr zu kurz. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass im Schweizer Strassenverkehr wenig Rücksicht genommen wird auf andere. Da helfen dann auch niedrige Tempolimits oder hohe Bussen für Vergehen nichts. Stattdessen wird ständig links gefahren, nicht in den Rückspiegel geschaut, oder man quetscht sich noch schnell irgendwo dazwischen, muss dadurch bremsen und löst damit eine Kettenreaktion nach hinten aus. Und wegen der kommt es dann erst zu stockendem Verkehr. Ein wenig mehr Rücksichtnahme würde vielen gut zu Gesicht stehen.

Weil kein Durchkommen Leben kosten kann!

Zurück zur Rettungsgasse. Am Dienstagmorgen stand ich wieder im Stau auf der A1 bei Egerkingen und beobachtete dasselbe Phänomen wie jeden Tag: Die Automassen stauten sich bereits einige Kilometer vor der Ausfahrt, doch niemand hat es für nötig befunden, auf den üppigen Platz rechts und links der Fahrbahn auszuweichen, um eine Rettungsgasse zu bilden.

Ja, am Ende des Staus war kein Unfall. Irgendwann später begegnete ich einem liegengebliebenen Fahrzeug auf dem Pannenstreifen. Nichts jedoch, das einem Notfall entspräche. Aber weiss man das so genau, wenn man auf einen Stau auffährt? Wissen wir wirklich, was diesen ausgelöst hat und was uns an dessen Ende erwartet?

Letztlich ist das auch egal. Wir brechen uns keinen Zacken aus der Krone, wenn wir unser Fahrzeug einige Zentimeter nach links oder rechts bewegen, um im Mittelraum Platz zu schaffen. Weder verlieren wir dadurch Zeit noch haben wir irgendeinen anderen Nachteil davon.

Fehlende Sensibilisierung

Meiner Meinung nach wird in der Schweiz viel zu wenig auf das Thema aufmerksam gemacht. Während es in Deutschland eindrückliche Werbespots und grosse Kampagnen gab und gibt, sind mir diese in der Schweiz bislang überhaupt nicht aufgefallen. Viele Leute wissen schlicht nicht, dass sie gerade einen gravierenden Fehler begehen und eventuell gerade dafür sorgen könnten, dass Menschenleben auf dem Spiel stehen.

Ich würde mir wünschen, dass die Schweizerinnen und Schweizer mehr darauf aufmerksam gemacht werden, was im hiesigen Strassenverkehr alles falsch läuft. Das kann durch Präventionskampagnen passieren, durch Werbespots, oder schon in der Schule und spätestens in der Fahrschule. Bis dahin kann ich nur an alle appellieren: Schaut zueinander, nehmt Rücksicht und denkt auch einmal ein wenig voraus. Denn jeder Fehler im Strassenverkehr kann Leben kosten. Selbst, wenn man einfach nur kurz im Weg steht.

veröffentlicht: 27. Juni 2023 14:25
aktualisiert: 27. Juni 2023 15:29
Quelle: 32Today

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