Lebensmittelkontrolle

Immer mehr Hygieneprobleme in Solothurner Betrieben

01.03.2024, 17:04 Uhr
· Online seit 18.08.2023, 06:54 Uhr
Das Solothurner Gesundheitsamt musste 2022 deutlich mehr eingreifen. Wie laufen eigentlich solche Kontrollen genau ab und wieso halten immer weniger Betriebe die Hygienebestimmungen ein? Der Kantonschemiker und Leiter der Lebensmittelkontrolle, Martin Kohler, gibt Auskunft.
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Herr Kohler, wie laufen eigentlich so Lebensmittelkontrollen ab? Melden Sie und Ihr Team sich im Vorfeld an oder kommen Sie unangekündigt?

Wir gehen meist ohne Voranmeldung vorbei, das ist auch nach Gesetz so vorgesehen. Wir melden uns nur in Einzelfällen an, zum Beispiel wenn wir schon erhebliche Mängel angetroffen haben und die Situation beim nächsten Besuch mit der Chefin oder dem Chef des Betriebs besprechen wollen. Wir sind sechs Personen im Lebensmittelinspektorat. In der Regel geht aber nur eine Person von uns in den Betrieben zur Kontrolle vorbei.

Auf was schaut das Lebensmittelinspektorat bei den Kontrollen?

Die Kontrollen laufen nach einem schweizweit einheitlichen System ab. Grob gesagt, achten wir auf vier Faktoren: Wird hygienisch gearbeitet? Bekommt der Konsument oder die Konsumentin das, was versprochen wird? Ist es wirklich Bio oder nicht? Ist es Schweizer Fleisch oder nicht? Wichtig ist auch, dass die Geräte und die Produktionsräume geeignet sind. Der vierte Punkt in der Liste ist die Qualitätssicherung. Wir schauen uns das alles an und vergeben Noten.

Sie vergeben Noten? Wie ist das zu verstehen?

Wir haben bei den eben genannten Kategorien vier Stufen. Wenn etwas gar nicht gut ist, bekommt der Betrieb in dem Punkt eine Vier, wenn in dem Punkt alles einwandfrei ist, gibts eine Eins. Wir berücksichtigen dort unter anderem die Bereiche Lebensmittel, Prozesse und Bauliches. Das können wir zusammenrechnen und das ergibt dann eine gute oder schlechtere Note. Eins ist top, dann gehen wir für drei bis vier Jahre nicht mehr vorbei. Wenn es eine Vier ist, passiert sofort etwas.

Und was passiert?

Das kann eine rasche Putz- und Aufräumaktion sein, für die wir noch am gleichen Tag zur Kontrolle vorbeigehen. Die Putzaktion selbst ist in der Verantwortung des Inhabers. Wir sind quasi nur die Polizei und blitzen wie bei Radarkontrollen, wenn der Chauffeur zu schnell fährt. Wir gehen mit ihm aber alles durch und zeigen ihm, was zu tun ist. Auch vereinbaren wir zusammen, bis wann alles erledigt sein muss und wir fixieren einen Termin für eine Nachkontrolle. Nur als letzte Massnahme ordnen wir eine Schliessung an.

Was bringt das Fass zum Überlaufen, sodass ein Betrieb zumachen muss? Letztes Jahr mussten ja vier Betriebe schliessen, eine Bäckerei, zwei Restaurants und ein Laden mit einer Metzgerei.

Wir dürfen den Betrieb nur dann schliessen, wenn die Gesundheit der Konsumierenden unmittelbar und erheblich gefährdet ist. Wir treffen dann verdorbene Lebensmittel an, dreckige Produktionsräume und auch die Kühlung funktioniert dann nicht. Eine Schliessung ist auch immer nur vorübergehend. Sobald wieder die minimale gesetzliche Anforderung erfüllt ist, darf der Betrieb wieder öffnen. Dass wir einen Betrieb schliessen müssen, passiert zum Glück nicht oft – im Schnitt zwischen 0 bis 6 Mal pro Jahr. Bei einer Schliessung erstatten wir in jedem Fall auch Strafanzeige.

Und wie sieht es mit Schädlingen aus?

Schädlinge können auch vorkommen. Jeder Lebensmittelbetrieb muss Massnahmen treffen, damit er das im Griff hat. Das fängt schon bei der Einrichtung an: Fenster und Türen müssen gut schliessen. Auch Fliegengitter sind oft eine gute Idee. In schwierigen Situationen oder als grosser Betrieb braucht man bei Schädlingen einen Profi, das ist bei den betroffenen Unternehmen eigentlich Standard. Wegen ein paar Fliegen kommt es nicht zu einer Schliessung. Bei einem starken Mäusebefall muss aber eine Bäckerei den Schlüssel abgeben.

Was ist für Sie der allerschlimmste Fall, den Sie erlebt haben?

Mir persönlich gehen die Fälle mit einschneidenden Lebenssituationen von Betroffenen am nächsten. Zum Beispiel, wenn es zu einer Trennung in einem Familienunternehmen kommt, oder wenn jemand ein Suchtproblem oder eine andere Erkrankung hat. Das kann dazu führen, dass Betriebe, die einwandfrei liefen, innert kürzester Zeit aus dem Ruder laufen. Das trifft einen schon persönlich, denn wir kennen die Leute, sehen was sie können und dass ihnen dann die Kontrolle entgleitet, weil einfach zu viel zusammengekommen ist. Aber natürlich müssen wir dann trotzdem eingreifen. Das ist unsere Aufgabe.

Es gab im letzten Jahr viel mehr Sofortmassnahmen als sonst, eben solche angeordnete Aufräumaktionen. Wieso vernachlässigen die Betriebe vermehrt die Hygiene?

Es hängt mit den Auswirkungen der Pandemie zusammen: Dies trifft die Gastronomie besonders stark. Es herrscht Fachkräftemangel und so fehlt auch das Wissen, wie fachgerecht gearbeitet wird. Aber wir sehen auf unseren Kontrollen auch noch etwas Anderes: Nämlich die finanziellen Probleme, die durch die Pandemie entstanden sind: Wenn die Betriebe knapp bei Kasse sind, hapert es beim Unterhalt, bei den Geräten und so weiter.

Es ist herauszuhören: Sie haben mehr Arbeit. Kommt das Lebensmittelinspektorat an seine Grenzen?

Wir müssen schauen, wie wir mit dem Arbeitsvolumen zurechtkommen. Es ist einfach eine Sache der Priorisierung. Wir gehen demnach zuerst zu den Betrieben, bei denen es beim letzten Besuch schwierig und nicht gut war.

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veröffentlicht: 18. August 2023 06:54
aktualisiert: 1. März 2024 17:04
Quelle: 32Today

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