Olten

«Wir erwarten eine gute Auslastung»: Bald schlafen Obdachlose in der Notschlafstelle

· Online seit 13.02.2024, 12:19 Uhr
In wenigen Wochen eröffnet die Notschlafstelle in Olten. Simone Altermatt-Dietrich hat die nicht ganz einfache Vorgeschichte als Vorstandmitglied des Vereins «Schlafguet» intensiv miterlebt. Wir haben sie zu den Plänen im Schöngrundquartier befragt.
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32Today: Sie sind seit eineinhalb Jahren im Verein «Schlafguet» dabei. Was waren die Gründe für Ihren Beitritt?

Simone Altermatt-Dietrich: Meine Motivation kommt von meiner beruflichen Tätigkeit. Ich habe als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fachhochschule Nordwestschweiz gearbeitet und bin Mitautorin der ersten nationalen Studie zur Obdachlosigkeit in der Schweiz. Der Vorstand des Vereins hat mich angefragt, ob ich mitmachen möchte. Ich habe zugesagt, weil ich einen starken Bezug zu Olten habe. Ich bin hier aufgewachsen.

Die Notschlafstelle Olten hat eine lange Vorgeschichte. Warum dauerte es so lange bis zur Umsetzung?

Der Hauptgrund, dass die Notschlafstelle nun überhaupt realisiert werden kann, ist das Haus, welches uns von der Stiftung «Raum für soziale Projekte in Olten» zu Verfügung gestellt wird. Vorher war es sehr schwierig, überhaupt eine Liegenschaft zu finden. Dann kamen Einsprachen von Anwohnenden, die das Solothurner Verwaltungsgericht aber abgelehnt hat. Weil die Anwohnerschaft ihr Anliegen aber nicht ans Bundesgericht weiter gezogen hat, bekommt unser Projekt nun grünes Licht.

Im Vorfeld gab es viele Diskussionen. Was musste da besprochen werden?

Neben der Tatsache, dass wir lange keine Liegenschaft gefunden haben, musste geklärt werden, ob effektiv ein Bedarf für so eine Notschlafstelle besteht. Seit der Studie aus dem Jahr 2022 gibt es nun aber konkrete Zahlen, die belegen, dass auch in der Schweiz die Obdachlosigkeit ein Thema ist. Das hat unserem Anliegen natürlich geholfen.

Warum braucht es diese Notschlafstelle in Olten?

Im ganzen Kanton Solothurn gibt es keine Notschlafstelle. Solche gibt es nur in den grösseren Städten. Diese sind aber ständig überlastet. Das hat mir gezeigt, dass es auch in kleineren Städten solche Einrichtungen braucht. Die betroffenen Leute aus dem Kanton Solothurn müssen im Moment ausweichen in die Notschlafstellen anderer Städte wie Baden oder Bern.

Trotz der vielen Hürden und Gegenwind hat der Verein nie ans Aufgeben gedacht?

Es ist ein Herzensanliegen, das wir verfolgen. Wir setzen uns für ein existentielles menschliches Bedürfnis ein und deshalb war es auch immer klar, dass wir weiter machen – auch wenn es manchmal frustrierend und ernüchternd war. Gerade jetzt zeigt es sich aber, dass sich unser Engagement gelohnt hat.

Im April wird die Notschlafstelle eröffnet. Was ist dort genau vorgesehen?

Es wird in der Notschlafstelle insgesamt acht Betten geben. Dazu haben wir im Haus auch eine Notschlafpension, ebenfalls mit acht Betten. Es sind vier Zimmer mit je zwei Kajüten-betten. Im zweiten Stock gibt es zusätzlich noch eine Sozial-WG. Eine Übernachtung in der Notschlafstelle wird fünf Franken kosten. Geöffnet ist sie ab 19 Uhr.

Wie viele Leute erwarten sie pro Nacht in der Notschlafstelle?

Wir gehen davon aus, dass die Notschlafstelle in Olten sehr gut ausgelastet sein wird. Genaue Zahlen gibt es natürlich erst nach der Eröffnung. Wir werden genau Buch führen und haben bis im Herbst sicher schon konkrete Ergebnisse. Das Ziel soll sein, dass wir alle Personen aufnehmen können, die bei uns an die Türe klopfen. Der Check-in soll möglichst niederschwellig sein. Und sollte es in Olten mal so voll sein, dass eine Person keinen Platz mehr findet bei uns, dann werden wir mit anderen Notschlafstellen schauen, dass wir eine Lösung finden.

Was ist der Unterschied zwischen der Notschlafstelle und der Notpension?

Die Notschlafstelle ist für kurzfristige Aufenthalte ausgelegt. In der Notpensionen können Obdachlose bis zu drei Monate bleiben, sofern eine Kostengutsprache vorliegt.

Und was ist die Sozial-WG?

Die Sozial-WG funktioniert unabhängig. Dort können drei Personen wohnen, die auf sozialen Wohnraum angewiesen sind. Die Wohnung ist möbliert und die Zimmer werden direkt durch den Verein «Schlafguet» vermittelt.

Die aktuelle Bewilligung für die Notschlafstelle in Olten gilt für zwei Jahre. Was passiert danach?

Wir werden noch vor Ablauf der zwei Jahre ein Gesuch um Verlängerung eingeben. Wir müssen für die Bewilligung ein paar Auflagen erfüllen. Wir müssen unter anderem regelmässig Kontrollgänge im Quartier machen. Wenn wir das alles erfüllen können und alles gut läuft, gehen wir davon aus, dass wir die Notschlafstelle auch nach den zwei Jahren weiter führen können.

Was ist ihre ganz persönliche Motivation? Warum setzen sie sich für die Notschlafstelle ein?

Während meiner Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zusammenhang mit der Studie der Fachhochschule habe ich festgestellt, wie wichtig es für Menschen ist, dass sie ein Dach über dem Kopf haben. So können sie andere Herausforderungen des Lebens besser bewältigen. Obdachlosigkeit ist ein sehr vielschichtiges Problem. Es gibt nicht nur eine Ursache, es gibt meistens viele verschiedene Faktoren, die dazu beitragen. Ich habe niemanden getroffen, der oder die gesagt hat, sie hätten sich das selber ausgesucht. Auch in der Schweiz fallen immer wieder Menschen durch die Maschen der Gesellschaft.

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veröffentlicht: 13. Februar 2024 12:19
aktualisiert: 13. Februar 2024 12:19
Quelle: 32Today

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32today@chmedia.ch