«Inner» und «outer circles»

Fall Tamedia – viele Mitarbeitende leiden unter perfiden Machtspielen

· Online seit 14.02.2023, 05:43 Uhr
Die Sexismusvorwürfe von Journalistin Anuschka Roshani gegenüber ihrem ehemaligen Chef schlagen hohe Wellen. Kaum Thema sind dabei aber die Kreise, die dieser um seine Mitarbeitenden bei Tamedia zog – ein Phänomen, das viele Angestellte kennen.
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Die Schweiz, darunter vor allem die Medienbranche, wird seit rund einer Woche von einer zweiten MeToo-Welle erfasst. Auslöser ist der «Spiegel»-Artikel von Journalistin Anuschka Roshani. Ihrem ehemaligen Chef Finn Canonica bei der Zeitschrift «Das Magazin» des Zürcher Tamedia-Verlags macht sie schwere Sexismusvorwürfe.

Beinahe unter geht dabei ein Verhalten, das Mitarbeitende an vielen Arbeitsplätzen mindestens so schweigend erdulden, wie es bisher bei der sexuellen Belästigung der Fall war: Wenn Vorgesetzte innere und äussere Kreise um die Mitarbeitenden ziehen.

Entweder privilegiert oder übergangen

Ihr Chefredaktor habe die Redaktion in einen «inner circle» und einen «outer circle» geteilt, schreibt Roshani ausserdem im viel diskutierten Artikel. Wer zum inneren Kreis gehört habe, habe Privilegien genossen. So hätten diese Personen zum Beispiel Zeit und Platz für Artikel bekommen und seien von Aufgaben freigehalten worden.

Wer hingegen wie Roshani in den äusseren Kreis aussortiert worden sei, sei vom Chef wochenlang übergangen worden. So habe dieser auf keine E-Mail geantwortet und nie zurückgerufen. Oft habe sie nicht einmal eine Information erhalten, wenn sie diese dringend gebraucht habe.

«Es kommt häufig vor, dass Chefs ‹inner› und ‹outer circles› bilden»

Das Phänomen beschäftigt Maya Erika Nüesch bei ihrer Arbeit als Regenerationstherapeutin seit Jahren regelmässig. Mobbing am Arbeitsplatz gehört zu ihren Spezialgebieten. «Es kommt häufig vor, dass Vorgesetzte ‹inner› und ‹outer circles› bilden», sagt sie.

Auch sie selbst habe dies immer wieder erlebt, als sie noch in einem Angestelltenverhältnis in einer anderen Branche gearbeitet habe, sagt Nüesch. «Ich musste mehrmals feststellen, dass Vorgesetzte gewisse Mitarbeitende um sich scharen und auf diese Weise gegen andere vorgehen.»

Leicht und schlecht manipulierbare Mitarbeitende

Chefinnen und Chefs, die solche Kreise bilden, spielen laut Nüesch ein Machtspiel. «Sie wissen, dass sie die Macht über das Personal haben, wenn sie die Mitarbeitenden in zwei verschiedene Gruppen aufteilen.» Gute Chancen, in den Kreis der Privilegierten aufgenommen zu werden, hätten jeweils diejenigen Mitarbeitenden, die sich leicht manipulieren liessen oder zumindest einen entsprechenden Eindruck vermittelten.

«Auf diese Weise privilegieren sich Chef und Mitarbeitende gegenseitig», erklärt Nüesch. Die Mitarbeitenden freuten sich über ihre Sonderstellung und seien ihrem Vorgesetzten deswegen treu ergeben – egal, was dieser tue. Mit einem Platz im äusseren Kreis rechnen müssen hingegen die schlecht manipulierbaren Mitarbeitenden. «Es sind diejenigen, die widersprechen, ehrlich sind und zu sich stehen.» Bestehe ein Team aus zwei verschiedenen Kreisen, wirke sich dies schlecht auf das Arbeitsklima aus. «Den Mitarbeitenden, die nicht dazugehören, stinkt das dann natürlich.»

«Es braucht flache Hierarchien»

Muss eine Chefin oder ein Chef ständig Kreise um seine eigenen Mitarbeitenden ziehen, will sie oder er vor allem Schwäche und Unsicherheit verstecken. «Oft leiden solche illoyale Vorgesetzte an einem Minderwertigkeitskomplex, denn ein loyaler Chef hat es nicht nötig, gewisse Mitarbeitende um sich zu scharen und den Rest fallen zu lassen», erklärt Maya Erika Nüesch.

Empathie und ein respektvoller Umgang zählen zu den gewünschten Eigenschaften einer Person in einer Führungsrolle. Laut Maya Erika Nüesch genügen diese Eigenschaften aber nicht, um die Mitarbeitenden vor der Einteilung in innere und äussere Kreise zu bewahren. «Um dieses Problem aus der Arbeitswelt zu schaffen, braucht es flache Hierarchien», fordert die Regenerationstherapeutin. Seien alle Mitarbeitenden auf gleicher Ebene, trauten sie sich auch Kritik zu üben und Probleme im Team offen zu besprechen.

Betroffene müssten Fälle melden

Der Schweizerische Arbeitgeberverband teilt auf Anfrage mit, dass ihm das Phänomen der «Inner und Outer Circles» in Verbindung mit Diskriminierung am Arbeitsplatz nicht bekannt sei. Ganz grundsätzlich seien die Arbeitgeber in der Pflicht, die persönliche Integrität ihrer Mitarbeitenden zu schützen. Dazu gehörten Massnahmen gegen sexuelle Belästigung, Mobbing oder Diskriminierung am Arbeitsplatz. Neben einem internen Meldeprozess erfordere dies klare Richtlinien, die eine Nulltoleranzpolitik gegenüber sexueller Belästigung und Diskriminierung am Arbeitsplatz festschreibe.

Laut dem Verband müssen Arbeitgeber alles daransetzen, dass Diskriminierung oder Mobbing innerhalb des Unternehmens keinen Platz finden. «Fälle im Zusammenhang mit Diskriminierung oder Mobbing müssen von den betroffenen Personen unbedingt gemeldet werden.» Daher sei es für ein Unternehmen unabdingbar, dass es über einen vertrauensvollen Meldeprozess verfüge und diesen auch intern kommuniziere, damit er allen Mitarbeitenden bekannt sei. «Dies beinhaltet eine unabhängige Anlaufstelle, welche das Vertrauen der Mitarbeitenden hat, sodass sich Betroffene frühzeitig an sie wenden können.»

«Gehen allen Hinweisen nach»

Den Vorwurf, Finn Canonica habe die Redaktion in «inner» und «outer circles» aufgeteilt, kommentiert der Tamedia-Verlag auf Anfrage nicht. Auch geht dieser nicht auf die Fragen ein, ob in der Vergangenheit Mitarbeitende bereits kritisiert hätten, sich in «inner» und «outer circles» eingeteilt gefühlt zu haben. Ebenso erhielt die Today-Zentralredaktion keine Auskunft zur Frage, wie Tamedia sicherstelle, dass Vorgesetzte keine solchen Kreise bildeten.

Respekt, Wertschätzung und eine darauf beruhende Führungskultur seien essentielle Prinzipien von Tamedia, schreibt Philip Kuhn, Kommunikationsverantwortlicher Tamedia der TX Unternehmenskommunikation. «In den vergangenen zwei Jahren wurden Initiativen zur Kultur wie auch zur Verbesserung der Strukturen angegangen.» Sie hätten alle Mitarbeitenden auf die Anlaufstellen sensibilisiert, gingen allen Hinweisen nach, mit dem Ziel, eine positive und respektvolle Arbeitsumgebung für alle ihre Mitarbeitenden sicherzustellen.

Im aktuellen Fall rund um zwei ehemalige Mitglieder der Magazin-Redaktion, in dem es leider zu einem Gerichtsverfahren gekommen sei, vertraue Tamedia darauf, dass der teilweise lang zurückliegende Sachverhalt nochmals geklärt und darauf gestützt eine gerechte Lösung gefunden werde, schreibt Kuhn. «Falls sich – auch unabhängig von dem Gerichtsverfahren – zu dem aktuellen Fall neue Fakten ergeben, wird Tamedia diese selbstverständlich untersuchen.»

veröffentlicht: 14. Februar 2023 05:43
aktualisiert: 14. Februar 2023 05:43
Quelle: Today-Zentralredaktion

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