«Fragen Sie das Joe Biden!»

Der zweitälteste Nationalratskandidat aus dem Kanton Solothurn im Interview

· Online seit 09.09.2023, 11:27 Uhr
Heinz Flück war 30 Jahre Lehrer und seit 2005 durchgehend Mitglied des Solothurner Gemeinderats. Nun möchte der Grünenpolitiker im Herbst diesen Jahres erstmals in den Nationalrat einziehen. Sollte ihm das gelingen, wäre er der zweitälteste Neugewählte aus dem Kanton Solothurn.
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Mit Jahrgang 1954 ist Heinz Flück nicht nur ein Urgestein in der hiesigen Politik, sondern gleichzeitig auch der älteste Kandidat auf einen Nationalratssitz aus dem Kanton Solothurn. 

Wir haben mit dem Grünenpolitiker darüber gesprochen, was ihn motiviert, auch in seinem Alter für den Nationalrat zu kandidieren, was seine Ziele sind und welche Hoffnungen und Tipps er für die jüngere Generation hat.

Herr Flück, war Ihnen bewusst, dass Sie einer der ältesten Nationalratskandidaten aus dem Kanton Solothurn sind?

Ja, ich habe angenommen, dass ich der älteste Kandidat bin. Aber es gibt meines Wissens noch eine ältere Kandidatin, nämlich Johanna Bartholdi von der FDP.

Was motiviert Sie, für den Nationalrat zu kandidieren?

Bisher habe ich mich auf die Gemeinde- und Kantonspolitik fokussiert. Ich denke aber, dass ich meine Erfahrung aus meinen politischen Ämtern aber auch aus diversen Engagements in Verbänden, Abstimmungskomitees und so weiter gut in die nationale Politik einbringen könnte.

Welche Chancen rechnen Sie sich aus, in den Nationalrat gewählt zu werden?

Angesichts der Zahl der Kandidierenden und der Tatsache, dass sich die Verschiebungen zwischen den Parteien im Kanton Solothurn in der Vergangenheit immer im tiefen einstelligen Prozentbereich bewegten, sind diese sicher sehr klein.

Welche Ziele verfolgen Sie? Wofür stehen Sie ein?

Ich war vor meiner Pensionierung 27 Jahre lang im Berufsbildungszentrum Olten in verschiedenen Funktionen, erst als Lehrer und dann als Leiter der Brückenangebote tätig. Die duale Berufsbildung ist eine wertvolle Errungenschaft der Schweiz; ich werde mich auf kantonaler Ebene weiterhin dafür einsetzen und würde das auch gerne auf Bundesebene tun. Ich habe den Kantonsratsauftrag für eine dreijährige Sek P mit ausgebautem, vollwertigem Berufsorientierungsunterricht angestossen.

Als Grüner sind mir selbstverständlich alle Anliegen zum Klimaschutz und der Erhalt der Biodiversität wichtig. Mein Hauptfokus ist aber die Verkehrspolitik. Ein Velowegnetz in allen Agglomerationen mit sicheren, direkten – also umweglosen Alltagsverbindungen ist wichtig. Die Elektromobilität auf zwei Rädern ist eine grosse Chance, die es nun rasch zu nutzen gilt. Das ist wichtig und erübrigt auch den völlig aus der Zeit gefallenen und im Nationalrat bereits beschlossenen weiteren Autobahnausbau. Gegen den werde ich mich zur Wehr setzen.

Was sind Ihrer Meinung nach die grössten Herausforderungen für die Schweiz in den nächsten Jahren?

Klimaschutz – sowohl die raschmöglichste Reduktion der schädlichen Gase, wie auch die Vorkehrungen, um die unabwendbaren Folgen des Klimawandels erträglich zu machen. Ich sehe es wie der Präsident der Grünen: «Wenn alles so bleibt, wie es ist, bleibt bald nichts mehr, wie es ist.»

Wichtig ist mir aber auch ein gutes und gleichzeitig bezahlbares Gesundheitswesen. Ein System analog zur AHV und IV würde für Personen mit tiefen Einkommen eine entscheidende Entlastung bei den Prämien bringen. Aber auch die Leistungen und Medikamentenpreise dürfen nicht unbegrenzt wachsen.

Auch Wohnraum für alle ist wichtig. Wir müssen unsere grosszügigen, bereits bebauten Räume viel besser nutzen.

Welche Perspektiven sehen Sie für die jüngeren Generationen und ganz speziell für die jüngste Generation der Wählenden?

Es gibt Hoffnung. Hoffnung, dass die Menschheit so handelt, dass unser Planet bewohnbar bleibt. Aber auch Hoffnung, dass Rassismus, Ausgrenzung und Hass – aktuell sogar von schweizerischen Parteien geschürt – mehr und mehr verdrängt und überwunden werden können.

Wie möchten Sie die Zukunft angehen und mitprägen?

Ein Problem liegt mir besonders am Herzen: Die Mobilitätswende. 62 Prozent aller Fahrten mit einem Auto sind Freizeitfahrten. Dieser Trend muss zugunsten einer umweltfreundlicheren Mobilität gebrochen werden.

Was entgegnen Sie jenen, die Ihr Alter als Problem ansehen?

Fragen Sie das Joe Biden.

Welchen Vorteil sehen Sie bei sich im Vergleich zu jüngeren Kandidierenden?

Es sollten alle Altersgruppen vertreten sein. Selbstverständlich können Leute aus meiner Generation von einer reichen Erfahrung profitieren. Trotz kürzerer verbleibender Lebenserwartung bin ich vielleicht etwas geduldiger, als jüngere Menschen.

Welchen Rat haben Sie an die Jungen und auch besonders an Ihre Kollegen und Kolleginnen in der Politik?

Bleibt laut und macht euch bemerkbar. Resigniert nicht, wenn ihr jetzt beim ersten Mal ein schlechtes Wahlresultat habt und auch nicht, wenn euch Leute aus meiner Generation sagen, «das geht nicht, vergesst es, haben wir schon oft erfolglos probiert.» Das ist kein Argument, etwas nicht zu tun oder zu fordern, wenn man überzeugt bist.

Was erhoffen Sie sich im Allgemeinen für die anstehenden Wahlen für Ihre Partei und die Politik der nächsten Jahre?

Ich erwarte, dass auf die dingenden Herausforderungen des sich wandelnden Klimas Antworten, und Taten folgen. Und ich erwarte, dass sich meine Partei – aber auch alle vernünftigen Kräfte aus anderen Parteien – aktiv gegen Ausgrenzung und Entsolidarisierung einsetzen.

Inwiefern hat sich der Ton in der Politik seit Ihren Anfangsjahren verändert?

Der Ton hat sich nicht so sehr verändert, es gab immer solche, die sich in der Wortwahl vergriffen haben. Schlimmer ist, dass gewisse Politiker trotz klarer Gesetzgebung noch immer mit beispielsweise rassistischen Aussagen davon kommen.

Ihre Botschaft an die Schweiz?

Schweiz sei Vorbild, nicht Durchschnitt!

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veröffentlicht: 9. September 2023 11:27
aktualisiert: 9. September 2023 11:27
Quelle: 32Today

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32today@chmedia.ch