«Murgenthaler Bedingung»

Warum die Bieler das Hochwasser für die Solothurner und Aargauer ausbaden

14.12.2023, 15:51 Uhr
· Online seit 13.12.2023, 14:54 Uhr
Der Bielersee hat in der Nacht auf Mittwoch die Hochwassermarke überschritten. Dennoch bleiben die Schleusen beim «Ausgang» teilweise zu, denn sonst würde die Aare das Solothurner Niederamt und den Aargau fluten. Um dies zu vermeiden, gibt es die sogenannte «Murgenthaler Bedingung».

Quelle: Tele M1

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Wetterlage mit Dauerregen wie in dieser Woche bedeuten Stress und eine hohe Verantwortung für das bernische Amt für Wasser (AWA). Es reguliert das Wehr in Port, wo die Aare aus dem Bielersee fliesst. Wenn der Bielersee derart hoch steht wie aktuell und gar die Hochwassermarke überschritten ist, fliesst eine riesige Menge Wasser aus dem Bielersee die Aare hinunter Richtung Solothurn, Olten und den Aargau.

Quelle: BRK News / Arthur Sieber / TeleBärn / BärnToday

Der Blick auf die Abflussdaten zeigt jedoch, dass bei Weitem nicht das Maximum an Wasser aus dem Bielersee abgelassen wird. Stattdessen wurden in den letzten Tagen zeitweise nur noch 200 Kubikmeter pro Sekunde abgelassen statt 500 wie vor dem grossen Regen.

Der Grund für dieses Auf und Ab ist die sogenannte «Murgenthaler Bedingung». Sie legt fest, dass der Kanton Bern an der Kantonsgrenze maximal 850 Kubikmeter Wasser pro Sekunde Richtung Osten abfliessen lassen darf.

Mit gutem Grund: Wenn die Aare mehr Wasser bringt, gibt es Schäden im Solothurner Niederamt und im Aargau. Zum letzten Mal wurde die Bedingung im August 2007 nicht eingehalten, und zwar sehr deutlich. Im Maximum flossen ganze 1260 Kubikmeter durch Murgenthal, mit den entsprechend horrenden Schäden.

Murgenthaler Bedingung kurz verletzt

Davon ist man beim aktuellen Hochwasser zwar weit entfernt. Am Dienstagabend wurde die Murgenthaler Bedingung aber trotzdem kurz verletzt: Kurzzeitig flossen bis zu 880 statt der zulässigen 850 Kubikmeter pro Sekunde Richtung Olten und Aargau. Das führte dazu, dass der Kanton Solothurn am frühen Mittwochabend wegen der steigenden Hochwassergefahr die Alarmstufe 1 für die Aare ausgerufen hat.

Die Problematik der Gewässerregulierung unterhalb des Bielersees hat einen Namen – die Emme. Das normalerweise beschauliche Flüsschen, das im Sommer sogar immer wieder austrocknet, kann bei Gewittern, aber auch bei Dauerregen zum reissenden Strom anschwellen. Regulierbar ist die Emme nicht, es gibt zwischen ihrem Ursprung hinter dem Kemmeriboden-Bad und Zuchwil nirgends einen See oder ein Wehr.

Die Emme, das wilde Kind

Wenn also die Emme anschwillt, trägt sie unterhalb von Solothurn Hunderte Kubikmeter Wasser in die Aare. In den letzten Tagen waren es in der Spitze bis zu 350 Kubikmeter.

Quelle: Bundesamt für Umwelt / 32Today / Devin Schürch / Jael Fischer

Wenn sich die Emme-Flut jeweils am Oberlauf und aufgrund der Wetterprognosen abzeichnet, muss die Menge des abfliessenden Wassers beim Bielersee rechtzeitig gedrosselt werden. Nur so ist es möglich, die Murgenthaler Bedingung einzuhalten. Wartet man zu lange mit der Regulierung in Port bei Biel, wird die Wassermenge in der Aare zu gross, denn bis zum Zusammenfluss der Aare mit der Emme bei Zuchwil braucht das Wasser einige Stunden.

Die Abflussdaten zeigen, dass der Kanton Bern dieses Meccano mittlerweile gut im Griff hat. Mehrmals wurde in den letzten Tagen beim Wehr in Port rechtzeitig reagiert.

Neuenburgersee als «Ausgleichsbecken»

Die Kehrseite dieser Seeregulierung: Der Bielersee ist vollgelaufen und tritt über die Ufer. Immerhin gibt es weitere «Ausgleichsbecken» im Westen: Der Bielersee ist mit dem Murten- und dem Neuenburgersee mit Kanälen verbunden, und so werden aktuell riesige Wassermassen in diesen Seen «parkiert».

Aktuell (Stand Mittwoch 13. Dezember 2023) liegt der Bielersee-Pegel fast einen halben Meter über jenem des Neuenburgersees, pro Sekunde fliessen über 300 Kubikmeter westwärts. Und die Wetterprognosen versprechen ein baldiges Ende der Regenfälle und eine langsame Entspannung an der Hochwasserfront. Es ist auch höchste Zeit.

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veröffentlicht: 13. Dezember 2023 14:54
aktualisiert: 14. Dezember 2023 15:51
Quelle: 32Today

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